Versicherungsindustrie: Teil des Problems oder Teil der Lösung?
Antwort auf das Interview mit Versicherungsverband-Präsident Stefan Mäder in der SRF-Samstagsrundschau vom 8. November 2025.
Nora Scheel von Camapax erklärt in der Sendung “Rendez-Vous” vom 27. Februar wieso die Aussagen von Stefan Mäder zentrale Klimarisiken verharmlosen und somit falsche Signale an Politik und Wirtschaft sendet – mit fatalen Folgen für die Schweizer Bevölkerung.
Dabei könnte die Versicherungsindustrie ihren Einfluss nutzen, um das Versicherungssystem trotz Klimarisiken nachhaltig und fair zu sichern.
Der Präsident des Schweizerischen Versicherungsverbands, Stefan Mäder, war zu Gast in der Samstagsrundschau von Radio SRF. Hintergrund war der kürzlich erschienene Bericht zu Klimaszenarien für die Schweiz. ETH-Forschende zeigten, dass der Schweiz bei 3 Grad globaler Erwärmung national ein Anstieg von 4.9 Grad droht – mit extremer Hitze, häufigeren Dürren, Waldbränden und Starkniederschlägen als Folgen.
4.9 Grad Erwärmung «versicherbar»? Eine gefährliche Illusion
Mäder behauptete im Interview, die Schweiz sei selbst unter solchen Bedingungen versicherbar. Abgesehen davon, dass dies schwer vorstellbar ist, scheint Herr Mäder mit seiner Aussage eine Reihe von Faktoren nicht einzubeziehen.
Dazu gehört, dass Risiken durch die Klimaerhitzung immer unvorhersehbarer werden. Die Klimaerhitzung verläuft nicht linear. Mit steigenden Temperaturen häufen sich zudem die Risikofaktoren und beeinflussen sich gegenseitig, gerade wenn kritische Kipppunkte überschritten werden. Modelle, die auf historischen Daten basieren, sind daher immer weniger aussagekräftig. Die Vorhersehbarkeit von Risiken ist aber eine der Grundvoraussetzung für die Versicherbarkeit – ist sie nicht mehr gegeben, werden sich Versicherungen zurückziehen oder es wird zu Insolvenzen kommen.
Ein weiterer entscheidender Faktor, den Mäder in seiner Prognose nicht zu berücksichtigen scheint, ist die internationale Entwicklung. Extremwetterereignisse werden enorm destabilisierende Auswirkungen auf den internationalen Handel haben, ganze Regionen politisch destabilisieren und zu grossen Migrationswellen führen. Die Schweiz als exportorientierte Wirtschaft ist diesen Prozessen stark ausgesetzt.
Das Schweizer Versicherungssystem mag zu den besonders stabilen gehören, doch es ist kaum vorstellbar, dass es solchen Herausforderungen standhalten mag. Der ehemalige AXA-CEO Henri de Castries sagte bereits 2015, ein Temperaturanstieg von 4 Grad sei nicht versicherbar. Allianz-Vorstandsmitglied Günther Thallinger äusserte erst kürzlich eine ähnliche Einschätzung.
Stabile Schadenssummen? Nur dank teurer öffentlicher Prävention
Mäder behauptet weiter, die versicherten Schäden pro Versicherungssumme seien in der Schweiz seit 20 Jahren nicht gestiegen. Das ist irreführend. Extremwetterereignisse nehmen längst zu, doch Präventionsmassnahmen der öffentlichen Hand halten die Schadenssummen zum Glück tief. Die Kosten verschwinden nicht, sie werden verlagert. Gemeinden und damit wir Steuerzahlende tragen die Last.
Global sind die versicherten Schäden aus Extremwetterereignissen in den vergangenen 15 Jahren um 5 bis 7 Prozent pro Jahr gestiegen und somit deutlich schneller als das Wirtschaftswachstum. Bereits in den vergangenen zwanzig Jahren waren rund ein Drittel der Schäden auf die Klimaerhitzung zurückzuführen, Tendenz stark steigend. Die Schweiz wird hier keine Ausnahme sein. Von gleichbleibenden Kosten zu sprechen, ist Schönfärberei.
Keine Verantwortung der Versicherungen? Ein klarer Bruch mit dem Pariser Abkommen
Besonders gravierend ist Mäders Aussage, der Anspruch an die Versicherungen, «das CO2-Problem zu lösen», sei «falsch». Das Pariser Klimaabkommen hält in Artikel 2.1(c) explizit fest, dass Finanzströme klimakompatibel ausgerichtet werden müssen. Die Schweiz hat dieses Abkommen ratifiziert. Dass der Präsident des SVV diese Pflicht abstreitet, ist bereits aus demokratischer Sicht problematisch.
Fossile Grossprojekte existieren nur, weil Versicherungen die Risiken abdecken. Ohne Versicherungen werden keine neue Kohleminen, keine Öl- und Gaspipelines oder Flüssiggasterminals gebaut. Die Verantwortung der Branche ist enorm. Doch die Schweizer Rück/versicherungen nehmen sie unzureichend wahr: Sie sind nach wie vor stark an fossilen Ausbauprojekten beteiligt, mit gravierenden Folgen für Klima, Umwelt und Menschen.
Herr Mäder beruft sich darauf, dass Versicherungen ihre Kunden dabei begleiten, aus fossilen Energien auszusteigen. Diese Begleitung, auf welche sich Finanzinstitute bereits seit Jahren berufen, zeigt aber keine Wirkung: 96 Prozent der Öl- und Gasförderunternehmen bauen ihr Geschäft weiter aus, anstatt es zu reduzieren.
Wie es auch anders gehen könnte
Mäders Haltung folgt einem alarmierenden Muster: Wirtschaftsverbände wie SVV und Economiesuisse versuchen, die Auswirkungen der Klimaerhitzung und ihre eigene Verantwortung kleinzureden. Damit senden sie fatale Signale an Politik und Wirtschaft und riskieren damit langfristig das Wohlergehen der Schweizer Bevölkerung.
Die Versicherungsindustrie hat einen immensen Einfluss auf unsere Gesellschaft und kann diesen nutzen, um die Energiewende voranzutreiben. Statt weiter mit fossilen Unternehmen zu geschäften, sollte sie diese zur Verantwortung ziehen. Einst haben Krankenversicherungen und Gemeinwesen die Tabakunternehmen für Gesundheitsschäden eingeklagt. Heute sollte die Versicherungsindustrie dasselbe tun mit fossilen Energieunternehmen. Sie sollte gemeinsam mit der Politik Modelle entwickeln, damit die Kosten von Extremwetterereignissen von den grossen CO2-Emittenten bezahlt werden, und nicht von der Bevölkerung. So würde sie einen Beitrag zur nachhaltigen und fairen Sicherung des Schweizer Versicherungssystems leisten – und ihres eigenen Geschäftsmodells.