Lilian Schibli 22. Januar 2026

NZZ Gastkommentar -Zentralbanken dürfen den Klimawandel nicht ignorieren

Von Alain Naef, Assistant Professor an der ESSEC Business School und ehemaliger Ökonom bei der Banque de France

Replik auf den Kommentar von Lorenz Honegger vom 8. Januar 2026

Erschienen am 21. Januar 2026 in der Neuen Zürcher Zeitung

Klimarisiken gefährden Finanz- und Preisstabilität

Die Risiken der Erderwärmung gefährden auch die Finanz- und Preisstabilität – und sind deswegen auch Sache der Schweizerischen Nationalbank. Eine Replik.

Die Zeiten, in denen alleine das Wort Nachhaltigkeit die Herzen von Finanzleuten höherschlagen liess, sind vorbei. Ungeachtet dessen nehmen die Klimarisiken weiter zu, und diese beschäftigen inzwischen auch Zentralbanken und weitere Aufsichtsbehörden im internationalen Finanzsystem.

Lorenz Honegger argumentiert in seinem Beitrag vom 8. Januar, die Schweizerische Nationalbank (SNB) solle Klimaschutz ignorieren und sich auf ihr Kernmandat konzentrieren. Doch gerade dieses Mandat, das die Sicherung von Preis- und Finanzstabilität verlangt, zwingt die SNB wie auch andere Zentralbanken, Klimarisiken ernsthaft zu berücksichtigen. Diese Haltung ist keine Minderheitsmeinung, sondern eine gängige Position in der Branche. Das zeigt das Beispiel des Network for Greening Financial Systems mit über 148 Mitgliedern aus über 90 Ländern (auch die SNB zählt dazu), welches diese Position vertritt. 

Finanzstabilität erfordert die systematische Analyse relevanter Risiken. Dazu zählen einerseits Transitionsrisiken, die beim Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft entstehen – etwa durch politische Regulierung oder Veränderungen der Nachfrage. Andererseits geht es um physische Risiken, die durch Extremwetter, Produktionsausfälle oder unterbrochene Lieferketten als Folge der Klimakrise auftreten. Beide Arten von Risiken können Inflation, Vermögenswerte und Finanzmärkte erheblich beeinflussen.

Zwar betont die SNB, diese Risiken in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen, doch fehlt es bislang an Transparenz zu den verwendeten Modellen und Ergebnissen. Verschiedene Forschungsarbeiten von geldpolitischen Institutionen, darunter eine Studie des Basel Committee on Banking Supervision aus dem Jahr 2021, kommen zu dem Ergebnis, dass klimabezogene Risiken mit gängigen und konventionellen Modellierungsansätzen erheblich unterschätzt werden.

Die Berücksichtigung von Klima- und Biodiversitätsrisiken bedeutet nicht, dass sich die SNB „in den Dienst der Klimapolitik“ stellt oder „Strukturpolitik” betreibt, wie der Autor behauptet, sondern dass sie ihr Mandat zur Sicherung von Preis- und Finanzstabilität vorausschauend und verantwortungsvoll erfüllt. Um den Klimawandel zu bekämpfen, braucht es ein entschiedenes und koordiniertes Vorgehen aller Akteure und damit auch den Beitrag der SNB.

Das Argument, es fehle der SNB an politischer Legitimität zum Handeln, ist nicht überzeugend. Das im Jahr 2024 vom Schweizer Stimmvolk angenommene Klima- und Innovationsgesetz, das Netto-Null bis 2050 als Ziel festschreibt, gilt auch für staatliche Institutionen wie die SNB. Die angebliche Marktneutralität, auf die sich die SNB immer wieder beruft, gilt nie absolut. Vielmehr muss sie innerhalb eines sich wandelnden rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmens stets neu interpretiert werden.

Zutreffend ist die Kritik des Autors an der ausweichenden Kommunikation der SNB. Gerade im Bereich von Ausschlüssen und Desinvestitionen braucht es deutlich mehr Transparenz. Stillschweigende Anpassungen des Portfolios mindern die Wirkung solcher Massnahmen und senden kein klares Signal an die Marktteilnehmer.